Michelle ist die Königin der Straße

Unter Truckern: 21-Jährige bändigt 420-PS-Brummi

Ein Traumfänger ist der einzige Schmuck im Fahrerhaus des 40-Tonners, den Michelle Whiteley Tag für Tag durch die Straßen Hamburgs und Schleswig-Holsteins lenkt. Er erinnert die junge Frau hinterm Steuer jeden Tag daran, dass ihr Traum in Erfüllung gegangen ist. „Ich wollte schon immer Kraftfahrerin werden“, erzählt sie. Schon als kleines Mädchen fuhr Michelle Whiteley mit ihrem Vater, einem Engländer, der ebenfalls Trucker war, mit. „Ich hab’ sogar meine Ferien geopfert, damit ich mitfahren konnte.“

Es ist dieses Gefühl von Größe, Stärke und Macht, das ein Lkw bei ihr auslöst und das sie zu dem 420-PS starken Job hinzog. „Du fühlst dich wie der König der Landstraße“, sagt sie. Oder vielmehr wie die Königin.

Denn auch die Leute am Straßenrand reagieren häufig so, als führe die Queen persönlich an ihnen vorbei. Wenn sie die zarte Brünette auf dem Bock des riesigen Mercedes Actros erblicken, bleiben sie unwillkürlich stehen und winken.

Hamburgs harte Deerns

Die männlichen Kollegen bei der Firma Bursped in Billbrook mussten sich erst mal an die einzige Frau in ihrer Mitte gewöhnen. „Anfangs war es schon schwierig. Ich musste denen erst mal beweisen, dass ich auch fahren kann“, sagt Whiteley. Bei vielen Truckern sitzt noch immer das Vorurteil „Frau am Steuer – Ungeheuer“ vor. Und manche haben wohl auch Angst vor der weiblichen Konkurrenz.

Schließlich bauen Frauen statistisch gesehen einfach weniger Unfälle und gehen auch vorsichtiger mit der Ladung um. Deshalb sind sie in der Branche, die unter einem akuten Nachwuchsmangel leidet, auch sehr begehrt.

Inzwischen kommt Whiteley mit allen gut zurecht. „Sie sind sehr hilfsbereit.“ Beim Be- und Entladen der meist tonnenschweren Fracht greifen sie der jungen Frau aus Geesthacht unter die Arme, denn das ist trotz Hubwagen noch immer Knochenarbeit.

Nur ihre Mutter musste Michelle Whiteley überzeugen, als sie 2013 die Ausbildung bei Bursped begann. „Sie wollte, dass ich etwas Vernünftiges lerne. Speditionskauffrau oder so. Aber ein Bürojob wäre nichts für mich.“

Kurz bevor Michelle Whiteley Gas gibt, um eine Ladung Baustoffe zum Kunden zu bringen, kommt der Hausmeister der Spedition vorbei. Voller Anerkennung sagt er: „Vor der ziehe ich meinen Hut.“

Ein Artikel von Nina Gessner / Hamburger Morgenpost – Mittwoch, 15. Juli 2015